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„Die Fokussierung ist die Stärke des Exzellenzclusters Entzündung an Grenzflächen!“

04.07.2017

Interview mit dem Beirats-Vorsitzendem Rudi Balling

Die Expertise in unterschiedlichen Disziplinen auf den Fokus „Entzündung an Grenzflächen“ zu bündeln, ist laut Professor Rudi Balling der große Trumpf des schleswig-holsteinischen Exzellenzclusters zur Entzündungsforschung. In einem Interview wirft der Direktor des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine einen Außenblick auf die Forschungsleistungen des Clusters und sieht vor allem im Zusammengehen von Forschung und Gesundheitsversorgung in Richtung „precision medicine“ großes Potenzial.

Das Interview wurde im jetzt herausgegebenen Jahresbericht 2016 des Clusters veröffentlicht.


Herr Professor Balling, als Vorsitzender des Scientific Advisory Boards begleiten und beraten Sie den Exzellenzcluster „Inflammation at Interfaces“ seit 2014 in strategischen und wissenschaftlichen Fragen. Was hat Sie bewogen, dieses Amt zu übernehmen?

Rudi Balling: Wenn man weltweit schaut, wo ist etwas entstanden, ohne dass es zuvor einen offensichtlichen Standortvorteil gab, dann guckt man nach Kiel und Lübeck. Hier haben einzelne herausragende Wissenschaftler über 10 bis 15 Jahre durch exzellente Wissenschaft einen Leuchtturm gebaut. Der Exzellenzcluster „Inflammation at Interfaces“ hat weltweit durch die Fokussierung auf Entzündungen an Grenzflächen Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Über die Genetik, die Untersuchung von entzündlichen Darmerkrankungen und eingebettet in ein Umfeld von sehr starker Infektionsforschung wurde eine Flagge gesetzt. Das war schon toll. Ich kann nur sagen, man sollte die Peripherie nicht unterschätzen. Als ich nach Braunschweig ging, hat man auch gesagt, warum geht der jetzt von München nach Braunschweig. Dabei weiß keiner, wie toll Braunschweig zum Leben und zum Forschen ist. Und ich glaube, das gilt auch für den Norden von Deutschland.

Wo sehen Sie die besonderen Stärken des Clusters?

Entscheidend ist die Interdisziplinarität. Das haben wir auch in völlig anderen Branchen erlebt. Immer da, wo verschiedene Fachgebiete sich treffen, wo Interdisziplinarität gelebt wird, entsteht Innovation. Das kann man hier auch sehen. Hier wurde aus der Medizin heraus, mit medizinisch, gesellschaftlich und wissenschaftlich relevanten Fragen ein Thema herauskristallisiert. Dabei wurde sehr früh erfasst, dass Entzündungsprozesse krankheitsübergreifend eine Rolle spielen. Eingebracht in den Verbund wurden die Expertisen der außeruniversitären Forschungszentren im Umfeld der Universitäten Kiel und Lübeck. Diese Institute betreiben themenorientierte Forschung, sprich sie haben einen Fokus. Und hier hat man es geschafft, die Querverbindungen herzustellen, so dass sie miteinander kooperieren. Das ist von der wissenschaftlichen Seite her das Alleinstellungsmerkmal.

Was bedeutet der Cluster für den Wissenschaftsstandort Schleswig-Holstein? Ist er international wettbewerbsfähig?

Auf jeden Fall. Man muss sich nur die Publikationsleistungen anschauen. Da kann der Cluster mit den Forschungshochburgen in München, Berlin oder Heidelberg absolut mithalten, natürlich fokussiert, nicht in der Breite. Die Fokussierung ist ohne Zweifel die Stärke des Exzellenzclusters Entzündung an Grenzflächen. Womit man sich noch ein bisschen schwerer tut, ist die direkte Umsetzung in Form von Arbeitsplätzen. Die Annahme, dass sich aus den Forschungsaktivitäten ein Netz von Hightech-Firmen ansiedelt, hat sich noch nicht erfüllt. Aber ich bin hier optimistisch. Wo das passiert ist und sicher auch weiter passieren wird, ist im Umfeld von Universitätskliniken. Das kann man insbesondere in den USA beobachten. Dort haben sich ausgehend von der Harvard Medical School und den assoziierten Krankenhäusern in Boston etliche Hightech- und IT-Firmen angesiedelt, rund um die Stanford University in Kalifornien wird unter anderem die Medizintechnik-Schiene gepusht. Das sieht man in Deutschland nur in Tübingen, Heidelberg und jetzt auch in Berlin.

Entscheidend für diese Entwicklung ist das Miteinander von Forschung und Gesundheitsversorgung. Das geht weit hinaus über ein Patent in der Biotechnologie. Vielmehr geht es darum, die Medizin zu verändern in Richtung personalisierte oder individualisierte Medizin. Damit verbunden sind neue Medizin-Ablauf-Prozesse, die gesundheitsökonomische Auswirkungen haben. Da amortisiert sich die Investition in die Forschung. Problematisch in dieser Hinsicht ist, dass für forschende Ärztinnen und Ärzten eine Karriere an deutschen Universitätskliniken sehr schwer ist. Solche Topleute, die Patienten behandeln und gleichzeitig auch erfolgreich forschen, bilden die Brücke, um Erkenntnisse aus der Wissenschaft in die Klinik zu bringen. Das Verständnis hierfür ist innerhalb der Universitätskliniken kaum vorhanden. Und auch hier ist der Nordcluster eine Ausnahme.

Inwiefern?

Das Land hat ein Förderprogramm aufgelegt: die Schleswig-Holstein Excellence-Chairs. Diese Chairs wurden überwiegend mit Personen besetzt, die ein Standbein in der Uniklinik haben. Diese Brücken sind strukturell das Allerwichtigste, was die moderne Medizin jetzt braucht. Wir stehen vor einem dramatischen Verlust in Zahl und Qualität der forschenden Ärztinnen und Ärzte, weil dieser Weg als Berufsweg nicht mehr attraktiv ist. Wenn wir nicht aufpassen, bricht uns die Kette ab. Dann fehlen in Zukunft Professorinnen und Professoren in der klinischen Medizin, die das überhaupt noch ausüben und unterrichten können.

Wo erwarten Sie zukünftig Fortschritte durch die Arbeit des Clusters?

Ich erwarte neue Erkenntnisse darüber, wie chronisch entzündliche Erkrankungen wirklich entstehen. Der Einblick in diese Mechanismen ist die zentrale Basis und das Wichtigste, um Prävention, Frühdiagnostik und Therapie auf die Reihe zu kriegen. Mich hat in den letzten drei Jahren, in denen ich das näher verfolgt habe beeindruckt, wie schnell im Exzellenzcluster Erkenntnisse aus der Forschung in klinischen Studien umgesetzt werden, wenn die Strukturen dies ermöglichen. Diese schnelle Umsetzung ist wirklich ein Vorteil und sorgt dafür, dass man nachher die Nase vorn hat. Und das zieht dann auch Industrie an. Die schnellsten Ergebnisse in dieser Hinsicht erwarte ich von den aktuell laufenden ernährungsrelevanten klinischen Studien.

Wichtig ist außerdem, aus meiner Perspektive, den Anschluss in der Informationstechnologie nicht zu verlieren. Bioinformatik, künstliche Intelligenz, die Medizin wird gerade revolutioniert durch IT. Es wird eine Medical-Data-Science geben, die die gesamte Medizin auf den Kopf stellt. Daher kann man gar nicht früh genug in Datenspeicherung und -sicherheit investieren, und IT-kompetente Ärztinnen und Ärzte ausbilden.

Wirkt sich die Arbeit des Clusters auch auf die Versorgung von Patientinnen und Patienten aus?

Davon bin ich überzeugt! Es ist ja schon so, dass Menschen, die an klinischen Studien teilnehmen, grundsätzlich einen Vorteil haben. Gute klinische Forschung zahlt sich für einen Standort und für die Menschen am Standort auf jeden Fall aus. Wenn diese Botschaft in der Bevölkerung ankommt, werden auch die politisch Verantwortlichen von ihrem Wahlklientel positiv unterstützt.

Rudi Balling 2017

Rudi Balling, Gründungsdirektor des „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ an der Universität Luxembourg und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats (Scientific Advisory Board, SAB) des Exzellenzcluster Entzündungsforschung.

Foto: Kerstin Nees


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