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Keine akute Gefahr für die Bevölkerung durch NDM 1

07.09.2010

Dr. Anette Friedrichs, Exzellenzcluster Entzündungsforschung, informiert

Immer häufiger ist in den letzten Wochen von dem Bakterium NDM 1 zu hören und zu lesen, das gehäuft in Europa zu finden sein soll. Was ist das für ein Bakterium und gibt es Anlass zur Sorge in der Bevölkerung? Wie wirkt es und was unterscheidet es von anderen Bakterienarten? Dr. med. Anette Friedrichs vom Exzellenzcluster Entzündungsforschung, Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und Expertin für Resistenzbildung von Bakterien gegenüber Antibiotika, klärt auf über Hintergründe und Zusammenhänge.

Was genau ist NDM 1?

Dr. Anette Friedrichs: „NDM 1 ist kein neues Bakterium, sondern die Abkürzung für „Neu Delhi Metallo-Beta-Laktamase 1“. Das ist der Name eines Resistenzgens, das sich im Genom von Bakterien befinden kann. So kann es dem Bakterium die Möglichkeit verschaffen, auch gegen Reserveantibiotika – wie die Klasse der Carbapeneme – unempfindlich, das heißt resistent zu sein. Diese Antibiotika werden im Krankenhaus bevorzugt im intensivmedizinischen Bereich eingesetzt. Das Auftreten von Resistenzen gegen diese Antibiotikaklasse ist an sich nicht neu – neu an NDM 1 ist jedoch, dass dieses Gen auf einem mobilen genetischen Element sitzt und die Resistenzeigenschaft deswegen auch zwischen Bakterien verschiedener Spezies ausgetauscht werden kann. Bisher wurde NDM 1 vor allem in Klebsiella pneumoniae und anderen Enterobakterien nachgewiesen. Die Gruppe der Enterobakterien besiedelt vorrangig unseren Darm. Sie können Krankheiten wie z. B. Harnwegsinfektionen aber auch Beatmungspneumonien auslösen.“

Gibt es Gegenmittel gegen NDM 1?

Dr. Anette Friedrichs: „Ja, es gibt theoretisch zwei Antibiotikaklassen, gegen die NDM 1 nicht resistent ist, das sind zum einen Colistin und zum anderen Tigecyclin. Die Einschränkung theoretisch bezieht sich auf die Wirksamkeit der beiden Antibiotikaklassen. Sie ist abhängig vom Ort der Infektion im menschlichen Körper und der Schwere der Erkrankung. Eine genaue antibiotische Resistenztestung in einem mikrobiologischen Labor ist in jedem Falle unerlässlich.“

Sind die NDM-1-veränderten Bakterien für den Menschen gefährlich?

Dr. Anette Friedrichs: „Die NDM-1-tragenden Bakterien sind nicht gefährlicher oder virulenter als andere Bakterien derselben Spezies, die das Gen nicht tragen. Im Falle einer Infektion mit NDM-1-tragenden Bakterien kann es sein, dass die Antibiotikatherapie nicht optimal und spezifisch genug erfolgen kann.“

Besteht derzeit in Deutschland eine erhöhte Ansteckungsgefahr für die Bevölkerung?

Dr. Anette Friedrichs: „Nein, es gibt kein akutes Risiko für die Bevölkerung, sich anzustecken. Es gibt bisher keine Indizien für eine Häufung von NDM-1-tragenden Bakterien in Deutschland. Seitens des Robert-Koch-Instituts wurde in den vergangenen Jahren ein System zur Überwachung der Antibiotikaresistenz in Deutschland aufgebaut, um so möglichst frühzeitig Tendenzen in der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen zu erkennen. Anhand der vorhandenen Daten wird die Häufigkeit der NDM-1-assoziierten Resistenzen derzeit als sehr selten eingeschätzt. Die Ansteckung erfolgt über Patienten, die mit NDM-1-tragenden Bakterien besiedelt sind. Die Bakterien werden dabei zumeist im Rahmen einer Kontaktinfektion aufgrund mangelnder Händehygiene von einem Patienten auf den anderen übertragen. Zur Vorbeugung empfiehlt es sich also, immer auf ausreichende Hygienemaßnahmen zu achten.“

Lässt sich das NDM-1-Resistenzgen separat bekämpfen und mittel- bis langfristig wieder
von den Bakterien trennen?

Dr. Anette Friedrichs: „Leider ist das Gegenteil der Fall: Bakterien haben ein enormes Überlebensinteresse und sind hoch flexibel. Ein Resistenzgen, das einmal auf der Welt ist, lässt sich nicht mehr eliminieren. Dazu kommt, dass die Bakterien aufgrund des vermehrten Einsatzes von Breitspektrumantibiotika einem enormen Selektionsdruck ausgesetzt sind und permanent weitere, neue Möglichkeiten der Resistenzbildung entwickeln, um ihr Überleben zu sichern. Der ungerichtete Einsatz von Breitspektrumantibiotika fördert diese Resistenzbildung der Bakterien gegen gleich mehrere Antibiotikaklassen und beschleunigt damit das Aufkommen von Resistenzgenen wie z.B. NDM 1. Die Folgen für das Gesundheitssystem sind letztlich eine immense Steigerung der Kosten durch eine längere Behandlungsdauer mit teureren Medikamenten. In Deutschland hält sich die Ausbreitung von Resistenzen gegen Reserveantibiotika wie die Klasse der Carbapeneme dank guter Überwachung noch in Grenzen, Studien aus anderen europäischen Ländern wie Italien oder Griechenland zeigen jedoch eine nicht zu unterschätzende Bedrohung sowohl für die Patienten als auch für das Gesundheitssystem, wenn dem Problem der zunehmenden Antibiotika-Resistenzverbreitung nicht ausreichend Bedeutung beigemessen wird. Neue Antibiotika zur Behandlung von Infektionen durch multiresistente, wie z.B. NDM-1-tragende Bakterien sind für die nächsten Jahre nicht in Sicht.“

Zitierung von Dr. Anette Friedrichs bitte unter Angabe der Quelle:
Dr. (Anette) Friedrichs, Exzellenzcluster Entzündungsforschung.
Ein Porträtfoto von Dr. Friedrichs mailen wir auf Anfrage gerne zu.

Zur Person Dr. Anette Friedrichs:
Dr. Anette Friedrichs ist Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie sowie Expertin für Resistenzbildung von Bakterien gegenüber Antibiotika an der 1. Medizinischen Klinik, UK S-H, Campus Kiel, die dem Exzellenzcluster Entzündungsforschung angeschlossen ist. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte sind: Surveillance von Antibiotika-Resistenzen, molekulare Epidemiologie, Entwicklung molekularbiologischer Nachweismethoden zur Diagnostik und zum Monitoring von Krankheitserregern.

 Der Exzellenzcluster Entzündungsforschung

Der Exzellenzcluster Entzündungsforschung verfolgt einen einzigartigen interdisziplinären Forschungsansatz, um die Ursachen der chronischen Entzündung zu entschlüsseln und Therapien zur Heilung zu entwickeln. Der Forschungsverbund bündelt die Kompetenzen von rund 200 GenetikerInnen, BiologInnen, ErnährungswissenschaftlerInnen und ÄrztInnen der Universitäten zu Kiel und Lübeck, des Forschungszentrums Borstel und des Max-Planck-Instituts Plön. Mehrere Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an chronischer Entzündung der Lunge (Asthma), der Haut (Schuppenflechte), des Darms (Morbus Crohn) und des Gehirns (Morbus Parkinson). Auslöser ist eine Fehlsteuerung des Immunsystems: Unaufhörlich aktiviert es entzündliche Botenstoffe und Abwehrzellen und zerstört dadurch gesundes Gewebe. Dieses Phänomen der modernen Zivilisation ist zur Herausforderung für die Medizin des 21. Jahrhunderts geworden. 2007 erklärten deshalb die Bundesregierung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Entschlüsselung des komplexen Entzündungsmechanismus zu einem nationalen wissenschaftlichen Schwerpunkt.

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