Sie sind hier: Startseite / Newsroom / Jahresberichte / 2008 / „Ein hohes Maß an Erfahrung im Umgang mit entzündlichen Erkrankungen“

„Ein hohes Maß an Erfahrung im Umgang mit entzündlichen Erkrankungen“

Interview mit Johann Oltmann Schröder und Manfred Kunz

Das Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig Holstein ist die Spezialklinik des ‚Exzellenzcluster Entzündungsforschung’. Hier arbeiten Fachärzte verschiedener Disziplinen zusammen mit Grundlagenforschern für eine ganzheitliche und individuelle Medizin. Was die Klinik auszeichnet und wie Patienten profitieren, schildern Professor Johann Schröder und Professor Manfred Kunz, die die Zentrumsstandorte in Kiel und Lübeck leiten.

Johann Oltmann Schröder

Am 3. Mai 2009 wurde das Kieler Entzündungszentrum in der Schittenhelmstraße 12 eröffnet, als Ort im Land der Ideen. Warum hat es diese Auszeichnung verdient?

Johann Schröder: Weil es etwas ganz Besonderes ist, das es so in Deutschland noch nicht gibt. Wir schaffen ein Zentrum, wo wir uns mit den entzündlichen Erkrankungen beschäftigen, ausgehend von der Biologie der Erkrankung. Wenn jemand, sagen wir mal, eine entzündliche Darmerkrankung hat und gleichzeitig eine Spondylitis (Wirbelentzündung) und dazu noch eine Augenmuskelentzündung, dann wollen wir nicht nur die einzelnen Organe untersuchen, sondern wir wollen gemeinsam verstehen, was die Erkrankung antreibt, das heißt warum die Entzündungszellen so aktiv sind, und auch, warum sie diese und nicht ganz andere Organe angreifen. Um dann zu überlegen, wie kann ich sie zur Ruhe bringen und wie kann ich das möglichst nebenwirkungsarm tun. Im Entzündungszentrum führen wir die beteiligten medizinischen Fachrichtungen und Grundlagenforscher zusammen, die alle ein hohes Maß an Erfahrung im Umgang mit entzündlichen Krankheitsbildern haben. Und ein solches Zusammenführen dieser Kompetenzen in einem Zentrum gibt es bisher nicht.

Professor Johann Oltmann Schröder. Leiter des Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin am UK S-H, Campus Kiel, zugleich Leiter der Sektion Rheumatologie der II. Medizinischen Klinik des UK S-H, Campus Kiel. Schwerpunkte in Klinik und Forschung: Systemischer Lupus erythematodes.

Was haben die Patienten davon?
Manfred Kunz: Sie haben das Maximale an Fachwissen innerhalb kurzer Zeit zusammen und müssen es sich nicht ‚erlaufen’. Das ist ein ungeheurer Vorteil. Vor allem weil die jeweilige Erkrankung dadurch vermutlich früher diagnostiziert und schneller behandelt werden kann. Komplikationen und negative Konsequenzen der Erkrankung können besser vermieden werden, wenn man schnell zu einer treffsicheren Diagnose kommt. Darüber hinaus können Patienten, wenn sie daran interessiert sind, auch etwas über die genetischen Ursachen ihrer Erkrankung erfahren. Wir arbeiten auch daran, Marker zu identifzieren, die es erlauben vorherzusagen, ob ein Patient für einen leichten oder schweren Krankheitsverlauf prädisponiert ist.
Johann Schröder: Patienten, die in unserem Zentrum bei mehreren Spezialisten gewesen sind, haben auch das gute Gefühl, dass alle Seiten ihrer Erkrankung berücksichtigt wurden. Wir verstehen uns im besten schulmedizinischen Sinne als Anbieter einer ganzheitlichen Medizin. Ganzheitlich meint, dass wir den ganzen Patienten berücksichtigen mit allem, was die Krankheit bei ihm bewirkt, auch die psychischen Probleme. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Patientensicherheit. Viele Betroffene müssen Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Dadurch können Infekte begünstigt werden. Wenn akute Probleme auftauchen, können sich Patienten darauf verlassen, dass auch am Wochenende immer jemand erreichbar ist, der weiß, was zu tun ist. Es gibt standardisierte Verfahrensweisen, in denen detailliert aufgeschrieben ist, wie bei bestimmten Therapiekomplikationen, zum Beispiel Infektionen, zu verfahren ist. Dazu trägt auch bei, dass es sich bei den angeschlossenen Instituten, etwa der Mikrobiologie, um universitäre Einrichtungen handelt.

Wie stellen Sie den Fächer übergreifenden Ansatz sicher? Das Personal ist ja im Grunde das Gleiche.
Johann Schröder: Wir ändern organisatorische Strukturen an beiden Standorten. Acht internistische Disziplinen ziehen ins neue Kieler Entzündungszentrum. Die Gastroenterologie,die Autoimmunsprech-stunde für die Haut, die Pneumologie, die Nephrologie, die Rheumatologie, die Kardiologie sowie die Hepatologie und die Endokrinologie. Alle laufen über eine zentrale Anmeldung. Wir haben eine gemeinsame Sprechstunde, gemeinsame Blutabnahme und gemeinsame Therapieräume. Patienten, die mehrere Ärzte aufsuchen müssen, können Verbundtermine bekommen. Wenn zum Beispiel ein Patient aus Husum anreist, dann können wir dafür sorgen, dass er an diesem Tag um acht Uhr den Magen-Darm-Spezialisten sieht, um neun Uhr den Rheumatologen und um zehn Uhr den Augenarzt. Und vielleicht kommt er auch noch in die gemeinsame Fallkonferenz.
Manfred Kunz: Der wesentliche Mehrwert, besteht vor allen Dingen darin, dass die bereits bestehenden Interaktionen zwischen den Disziplinen verbessert werden und neue zielgerichtet aufgebaut werden. Wir schaffen den äußeren Rahmen, damit mehr Information fließt. Es wird mehr diskutiert, es wird auch mehr kritisch beleuchtet, was vorher im Alltagsgeschäft vielleicht zu kurz gekommen ist. Zusätzlich, und das ist wirklich neu, sind jetzt auch die Wissenschaftler dabei. In der Vergangenheit vergingen manchmal Jahre, zum Teil sogar Jahrzehnte, bis der eine oder andere Wissenschaftler – vielleicht aufgrund eines Vortrags oder einer Tagung – mitbekam, wo interessante Fragestellungen in der Klinik sind, und wie er sich daran beteiligen kann. Gemeinsame Forschungsprojekte sind oft nur zustande gekommen, weil man sich manchmal zufällig persönlich kennen gelernt hat. Wenn man die Zusammen-arbeit zwischen Wissenschaft und Klinik von vornherein effektiv fördert, entsteht hier sehr viel mehr Effizienz.

Manfred KunzProfessor Manfred Kunz. Leiter des Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin am
UK S-H Campus Lübeck. Zuvor Professor für Dermatologie und Venerologie an der
Universitätsklinik Rostock. Schwerpunkte in Klinik und Forschung: Neuartige Therapien und molekulare Ursachen bei Autoimmun-erkrankungen der Haut.

 

 

 Stichwort Fallkonferenz: Wird hier jeder Patient der Entzündungsklinik vorgestellt?
Johann Schröder: Interdisziplinäre Fallkonferenzen sind mehrmals in der Woche vorgesehen. Hier wird es vorrangig um solche Fälle gehen, die offensichtlich interdisziplinär sind oder die besonders schwierig zu behandeln sind. Es wird nicht jeder sein, aber es werden sicher sehr viele interdisziplinär besprochen. Entweder indem der Patient in die Konferenz kommt, in der einfach alle Fachvertreter präsent sind, oder indem man – im alltäglichen Geschäft – die Kollegen, die es betrifft, zu den Untersuchungen dazu holt. Auf jeden Fall wird es nicht so sein, dass man am Wochenende mühselig die ganzen Berichte der Kollegen durchguckt und sich dann ein Bild macht. Der Austausch soll zeitnah und personennah erfolgen. Das ist letztlich auch der Grund, warum alle zusammensitzen.

Der Lübecker Standort des Entzündungszentrums hat kein eigenes Gebäude. Wie bringen Sie hier die Disziplinen zusammen?
Manfred Kunz: Die hauptsächlich daran beteiligten Ambulanzen, also die Dermatologie, die Rheumatologie und die Gastroenterologie sitzen in Lübeck ohnehin auf zwei gegenüberliegenden Fluren. Zum Rheumatologen muss ich nur drei Türen weiter gehen. Die Gastroenterologie sitzt auf dem gegenüberliegenden Flur. Wir müssen jetzt daran arbeiten, diese Disziplinen organisatorisch zu vernetzen und die Interdisziplinarität zu fördern.

Gibt es spezielle Schwerpunkte am Lübecker und am Kieler Entzündungszentrum?
Manfred Kunz: In Lübeck stehen naturgemäß die dermatologischen Erkrankungen etwas im Vordergrund, auch weil ich selbst Dermatologe bin. Dermatologische Erkrankungen mit und ohne Gelenkbeteiligung stehen im Mittelpunkt unseres Interesses. Um den fachlichen Austausch zwischen Kiel und Lübeck zu vereinfachen, bauen wir gerade ein Videokonferenzsystemauf. Dadurch wird es möglich, online den Facharzt aus der Nachbaruniversität per Bildschirm dazu zu holen.
Johann Schröder: In Kiel werden wir auf jeden Fall eine starke Gastroenterologie und Dermatologie haben. Bereits jetzt ist das Psoriasis-Zentrum in Kiel mit über 900 betreuten Patienten eine wichtige Anlaufstelle für Betroffene. Ein weiterer Schwerpunkt sind die rheumatischen Erkrankungen mit Ausnahme der Gefäßentzündungen, die wir in das renommierte Vaskulitiszentrum der Universität Lübeck im Verbund mit der Rheumaklinik Bad Bramstedt weiterleiten. Ferner bieten wir Sprechstunden an für entzündliche Erkrankungen der Lunge wie Sarkoidose oder idiopathische Lungenfibrosen sowie für Autoimmunerkrankungen der Niere. Außerdem eingebunden sind auch die Neurologie und die Augenklinik, mit den idiopathischen Augenentzündungen.

Es wird immer gesagt, dass im Entzündungszentrum die klinische Forschung eng mit der Grundlagenforschung verbunden ist. Wie sieht das praktisch aus?
Manfred Kunz: Die Forschungszusammenarbeit wird nicht davon abhängig gemacht, ob man sich gewissermaßen zufällig begegnet, sondern es werden regelmäßige gezielte Treffen durchgeführt. Bei diesen Meetings, die vielleicht alle vier Wochen stattfinden, werden in der Regel ein oder zwei Wissenschaftler dabei sein. Sie müssen dann beurteilen, wo es Anknüpfungspunkte gibt. Man kann natürlich nicht alle vier Wochen neue Projekte aufbauen. Aber es werden sich im Gespräch zwischen Kliniker und Wissenschaftler immer wieder sinnvolle Projekte ergeben, die auch tragfähig sind.

Wie ist das Entzündungszentrum im Exzellenzcluster Entzündungsforschung eingebunden?
Johann Schröder: Aus der Entzündungsambulanz gibt es Verbindung in alle Forschungsebenen des Exzellenzcluster Entzündungsforschung. Mit den Genproben können wir die Genbanken beschicken. Es gibt zum Beispiel monogenetische Erkrankungen, bei denen ein Entzündungseiweiß – der TNF-alpha-Rezeptor – modifiziert ist. Betroffene bekommen regelmäßig Fieber auch ohne einen identifizierbaren infektiösen Auslöser. Die verantwortliche Genabweichung kann man heute identifzieren. Es ist aber wenig darüber bekannt, welchen Einfluss andere genetische Faktoren haben. Wir kennen jetzt zehn Familien mit dieser Genmutation. Um mehr über die Funktion des veränderten Rezeptors zu erfahren, könnte man eine nähere Charakterisierung des veränderten Rezeptorproteins durchführen. Zellbiologen könnten untersuchen, wie sich die Makrophagen, also die Fresszellen des Immunsystems, bei diesem Krankheitsbild verhalten. Außerdem werden wir mehr klinische Studien als bisher durchführen können. Zudem können wir unsere Kenntnisse und Erfahrungen untereinander austauschen, etwa über Medikamente, die noch gar nicht im Handel sind. Die Hautklinik hat zum Beispiel bestimmte Medikamente getestet, die bei Patienten mit Schuppenflechte hervorragend wirken. Diese sind auch für entzündliche Darmerkrankung und Morbus Bechterew interessant. Wir können uns bei den Kollegen über Details informieren, die in der medizinischen Literatur noch gar nicht verfügbar sind.

Hätten diese Forschungsmöglichkeiten nicht ohnehin bestanden?
Manfred Kunz: Die genetische Datenbank, so wie sie jetzt mit dem Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin verbunden ist, ist schon eine Besonderheit Schleswig-Holsteins. Das gibt es nach meiner Kenntnis woanders in diesem Umfang nicht. Da die beiden Entzündungszentren sehr eng zusammenarbeiten, bekommt man jetzt auch relativ schnell größere Patientenzahlen für entsprechende Studien zusammen. Die so gewonnenen Daten kann man dann wiederum vergleichen mit Patienten, die schon in der Datenbank sind. Das kann eine wissenschaftliche Fragstellung von zwei, drei Jahren auf ein halbes Jahr verkürzen. Daraus kann sich ein wissenschaftlicher Vorsprung ergeben.
Johann Schröder: Forschung findet immer im Wettbewerb statt. Wenn ein bestimmtes Gen oder ein bestimmter Befund das erste Mal beschrieben wird, dann ist das etwas Besonderes. Irgendwann ist es wissenschaftliches Gemeingut, und die Forschergemeinde beschäftigt sich mit den neuen Fragestellungen, die sich danach ergeben. Es geht jetzt auch darum, vorne mit dabei zu sein. Und dafür benötigt man gewisse organisatorische Strukturen. Voraussetzung sind zum Beispiel Datenbanken, große Kohorten und eine gute Vernetzung untereinander und mit anderen Forschergruppen der Republik.

Patientenversorgung

Artikelaktionen