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Erleben statt begreifen

Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst lohnt sich – für beide Seiten. Bester Beweis dafür ist das Projekt „Entzündet“, für das Studierende der Muthesius Kunsthochschule Kiel einen tiefen Blick in die Forschung des Exzellenzclusters Entzündungsforschung geworfen haben.

Dein Blick entstellt mich

 

 

Ihre Eindrücke setzten die Kreativen in Form von Plakaten, Filmen und vielen weiteren Arbeiten um. Sie bieten einen ganz neuen, unmittelbaren Zugang zu den Inhalten der Forschung und dem Forschungsprozess selbst.

Schwierige Materie

Tabellen und Grafiken, mikroskopische Aufnahmen oder Fotos aus der Klinik – die Bilder, mit denen Wissenschaftler und Ärzte in Vorträgen oder Aufsätzen aufwarten, sind entweder abstrakt oder abstoßend. Zum Verständnis tragen sie selten bei. Doch es fehlt nicht nur an anschaulichen Bildern. Allein der Versuch die komplexen Inhalte der Forschung allen erklären zu wollen, ist verfehlt, meint Professor Stefan Schreiber, der Sprecher des Exzellenzcluster Entzündungsforschung: „Wenn jemand nicht aus der Forschungswelt kommt, dann ist sehr schwer begreifbar zu machen, worum es geht. Die Mehrzahl wird ausgeschlossen bleiben.“

Mit dieser Feststellung gibt sich der Kieler Molekularbiologe aber nicht zufrieden. „Wir haben uns der wissenschaftlichen Erforschung von Entzündungskrankheiten verschrieben, um ihre Entstehung besser zu verstehen und sie so zielgerecht behandeln zu können. Wir möchten auch dazu beitragen, dass diese Krankheiten besser bekannt werden.“Den Forschungsprozess in die Öffentlichkeit zu tragen, ihn zu demokratisieren, ist ihm ein Anliegen. Dafür brauche es einen Zugang, der unabhängig von einer fachlichen Vorbildung ist, und diesen ermögliche die Kunst. „Kunst lässt sich erleben, Kunst muss man nicht begreifen, Kunst nimmt einen auf ganz andere Art und Weise mit“, so der Dekan der Medizinischen Fakultät an der Kieler Universität.

Zuschauen, zuhören, verarbeiten

Verbündete für diesen neuen Zugang zu den Forschungsinhalten fand Schreiber an der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Dabei war sich Muthesius-Präsident Rainer W. Ernst der Herausforderung bewusst: „Anfangs waren wir unsicher, ob sich junge Menschen, die Kunst- und Kommunikationsdesign studieren, an chronische Entzündungskrankheiten heranwagen würden. Dieses Thema berührt ja sehr stark die eigene Betroffenheit, die körperlichen Empfindungen jedes Einzelnen.“ Die Zweifel waren unbegründet. Tatsächlich stürzten sich insgesamt 35 Studierenden aus verschieden Bereichen mit Begeisterung und persönlichem Einsatz über zwei Semester in die gestellte Aufgabe: das Zivilisationsphänomen der chronischen Entzündung des Menschen zu visualisieren. Sie ließen sich ein auf Fachvorträge und Diskussionen, hospitierten in der Klinik, besuchten die Forscher im Labor und sprachen mit Patienten. Ihre Eindrücke verarbeiteten sie auf vielfältige Weise. Sie zeichneten, texteten, fotografierten, filmten, programmierten, nähten, formten und klebten. Zur Seite standen ihnen Silke Juchter, Professorin für Konzeption und Entwurf, Arnold Dreyblatt, Professor für Freie Kunst und Tom Duscher, Professor für digitale und interaktive Medien. Mit dem Ergebnis ist Hochschulpräsident Ernst mehr als zufrieden: „Unsere Studierenden haben enorm viel Kreativität entwickelt. Sie nutzen die gesamte Bandbreite der künstlerischen und kommunikativen Möglichkeiten im öffentlichen Raum, im Atelier, mit Formaten des ‚advertising’, medialen Installationen bis zum bewegten Bild. Wir sind überrascht, mit welcher Sinnlichkeit und mit wie viel Reflektion sich die Studierenden dieser großen Herausforderung gestellt haben.“

Bildsprache für Entzündung

Speziell für das Medium Plakat sind 20 Motive entstanden, die im öffentlichen Raum geschaltet wurden. Darunter fiktive Filmplakate zu Morbus Crohn und Psoriasis. Ein überlebensgroßer Comic, gepinselt auf Hauswände am Sophienblatt in Kiel, erzählt anschaulich über das Leben mit der Darmkrankheit Morbus Crohn und liefert Fakten zum „Krieg im Körper“. Mehrdeutig ist die Skulptur „Pulpa“, für die Detailaufnahmen des Mundraumes zusammengenäht wurden. Weitere Arbeiten kommen aus dem Bereiche der digitalen und interaktiven Medien und der Fotografie. In der Medienkunstklasse entstanden zahlreiche filmische Arbeiten. Eine Auswahl von 24 künstlerischkommunikativen Arbeiten dieses Projektes wurde vom 20. bis 30. April 2010 in der Landesvertretung Schleswig-Holstein in Berlin ausgestellt.

Neue Ebene des Verständnises

Seine Erwartungen an das Gemeinschaftsprojekt sieht der Mediziner Schreiber erfüllt. „Die Arbeiten schaffen eine neue Ebene des Verständnises.“ Lohnend war es für beide Seiten. Die angehenden Künstler und Designer erhielten auf diesem Weg, „einen künstlerischen Zugang zu einem der prägenden Themen unserer Zeit“, so Muthesius-Präsident Ernst. Den Wissenschaftlern verschaffte der Blick von außen einen anderen Blickwinkel auf ihr Forschungsgebiet und gab neue Anregungen. Und die Kooperation geht weiter. Bildschirmdesigner der Muthesius-Hochschule planen zusammen mit Informatikern und Genetikern des Clusters ein neues Projekt. Ziel ist, einen Computer zu entwickeln, der Gendaten sehr viel schneller analysiert als bisherige Rechner und die Ergebnisse in einer neuen, vereinfachten Art von Bildschirm-Visualisierung dem lesenden oder klinischen Wissenschaftler präsentiert.

Comicwand

Tim Eckhorst hat einen überlebensgroßen Comic auf eine Wand in Kiel gemalt, um möglichst viele Menschen über die Krankheit Morbus Crohn und die Arbeit des Clusters zu informieren. Mehr unter: www.kriegimkoerper.de.

Unten links: Paris Küchler visualisiert in einem dramatischen Plakatmotiv, wie sich Asthma anfühlt.

Unten rechts: Der vom Verzicht geprägte Alltag Morbus Crohn erkrankter Jugendlicher steht im Fokus der Poster-Kampagne von Anna-Franziska Wolf. Alle Plakathintergründe zeigen Toilettenpapier.

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