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Ernährung und Entzündung

Übergewicht und vor allem der typische Wohlstandsbauch fördern Entzündungsprozesse im Körper. Vor allem dieser Zusammenhang macht den Krankheitswert der überflüssigen Pfunde aus, erklärt Professor Frank Döring im Interview. Der Ernährungsexperte erforscht die molekularen Grundlagen dafür in Kooperation mit Medizinern, Epidemiologen und Humangenetikern des Clusters. Mögliche Schutzfaktoren in der Ernährung untersuchen andere Arbeitsgruppen.

Herr Professor Döring, Sie vertreten die Ernährungswissenschaft im Exzellenzcluster Entzündungsforschung. Inwiefern hat das, was wir essen mit Entzündungsprozessen im Körper zu tun?

Frank Döring: Eine wichtige Beziehung zwischen Ernährung und Entzündung betrifft das Körpergewicht. Mit steigendem Körpergewicht nehmen auch Entzündungsprozesse zu. Das heißt, ein Zuviel an Nahrungsenergie und ein Zuwenig an Bewegung führen, sofern sie mit erhöhtem BMI (Body Mass Index) einhergehen, zu mehr Entzündung. So wurde zum Beispiel gezeigt, dass das Fettgewebe proinflammatorische also entzündungsfördernde Zytokine ausschüttet. Das ist sozusagen eine Funktion der Fettmasse. Einen Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Entzündung liefert auch die Beobachtung, dass Schuppenflechte – eine entzündliche Hauterkrankung – bei Übergewichtigen vermehrt auftritt. Umgekehrt kann man sagen, Übergewicht ist per se unproblematisch, abgesehen vielleicht von ästhetischen Gesichtspunkten oder der Mehrbelastung von Gelenken und Bandscheiben. Der Krankheitswert von erhöhtem Körpergewicht ergibt sich hauptsächlich aus der Veränderung des Stoffwechsels und aus dem Effekt auf Entzündung. Die unter dem Begriff Arteriosklerose bekannten krankhaften Veränderungen der Blutgefäße etwa, die mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall einhergehen, beruhen auf Entzündungsprozessen, wie man heute weiß.

Aber es gibt doch auch Ernährungsfaktoren, die Entzündungen vermindern können.

Das ist richtig. Einzelne Stoffe mit antientzündlicher Wirkung sind bekannt und zum Teil auch schon ganz gut untersucht. Hierzu gehören bestimmte sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe oder auch Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl. Man kann aber nicht erwarten, dass sich chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Morbus Crohn allein mit Ernährungsmaßnahmen ausreichend behandeln lassen.

Frank Döring

Frank Döring
hat seit November 2008 eine Professur für Molekulare Prävention innerhalb des Exzellenzcluster inne. Außerdem ist er Direktor am Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Forschungsschwerpunkte seiner Arbeitsgruppe sind Ernährung-Genom-Wechselwirkungen. Inhaltlich steht die Nahrungsenergie, das Nahrungsfett und Coenzym Q10 im Vordergrund.

 

Sie konzentrieren sich in der Forschung vor allem auf die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Ernährung und Genom. Warum ist das interessant?

Weil die Menschen, je nach genetischer Ausstattung unterschiedlich auf Ernährungsmaßnahmen reagieren. Wenn ich die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren drossle und vermehrt mehrfach ungesättigte Fettsäuren aufnehme, wirkt sich das nicht bei jedem auf das Entzündungsgeschehen aus. Der Grund sind Polymorphismen in den entsprechenden Genen, die den Stoffwechsel regulieren. Sie bewirken, dass die Reaktion des Stoffwechsels auf mehrfach ungesättigte Fettsäuren einmal vorhanden ist und einmal nicht vorhanden ist. Das heißt, bestimmte Menschen profitieren von einer gesunden Ernährung besonders. Diese Wechselwirkung zwischen der individuellen genetischen Ausstattung und den Ernährungsfaktoren, liegt im Fokus unserer Forschung. Langfristiges Ziel ist es, ausgehend von der individuellen genetischen Ausstattung eine maßgeschneiderte Ernährungsstrategien und Lebensmittel anbieten zu können.

Die Ernährungsberatung basiert also in Zukunft auf einem Gentest?

Das ist das Ziel. Solche Dinge werden übrigens auch heute schon kommerziell angeboten. Sie können ein Wattestäbchen mit Mundschleimhautzellen zur Genotypisierung einschicken. Aufbauend darauf wird die wünschenswerte Ernährung abgeleitet. Zwar kennen wir schon einige Polymorphismen, die Auswirkungen auf den vorbeugenden Effekt von Ernährungsmaßnahmen haben. Das heute schon in praktische Empfehlungen zu übertragen, halte ich für verfrüht. So weit sind die Forschungen noch nicht fortgeschritten. Ich bin daher eher vorsichtig und würde mich höchstens zu der Aussage hinreißen lassen, dass nicht alle Menschen von ungesättigten Fettsäuren gleichermaßen profitieren.

Welche Forschungsfragen bearbeiten Sie konkret?

Uns interessieren vor allem die Prozesse im Zusammenhang mit der Fettassimilation, also solche Prozesse, bei denen Nahrungsfett in Körperfett umgewandelt wird. Dabei haben wir Gene im Auge, die für Fettsäurebindungsproteine (FABP) kodieren. Diese Eiweiße sind für die Bindung von Fettsäuren in Zellen verantwortlich. Uns interessieren speziell die FABP-Gene in Darmzellen, die bei der Aufnahme von Fett eine Rolle spielen. Sehr genau untersucht haben wir das FABP2-Gen des Dünndarms. Veränderungen dieses Gens treten bei Menschen mit Alterszucker (Typ 2 Diabetes) häufiger auf. Sie betreffen die Geschwindigkeit mit der Fette nach einer Mahlzeit vom Darm ins Blut gelangen. Bei der Variante, die bei Typ 2 Diabetikern häufig ist, geht das Fett schneller ins Blut über.

Und das ist ungünstig?

Das Fettsäurebindungsprotein 2 sorgt dafür, dass Fettsäuren aus der Nahrung zunächst im Dünndarm zurückgehalten werden. Dadurch kommt es zu einem langsamen und dosiertem Einstrom der den Stoffwechsel belastenden Fettsäuren in das Blut. Diese Schutzfunktion scheint bei Diabetespatienten mit der Variante des FABP2-Gens nicht richtig zu funktionieren. Sie resorbieren das Fett schneller. Nach der Mahlzeit gehen die Fettspiegel im Blut hoch und das wiederum geht mit Entzündungsprozessen einher. Und nicht nur das. Die Insulinresistenz, ein wesentliches Merkmal von Typ 2 Diabetes, ist auch Folge einer Störung des Fettstoffwechsels. Wenn viele Fettsäuren in der Zelle verbleiben, können sie den Insulinrezeptor angreifen und schädigen. Entzündungsprozesse provozieren also auf der einen Seite Diabetes Typ 2, in dem sie die Empfindlichkeit der Zellen für Insulin herabsetzen, auf der anderen Seite geht Diabetes Typ 2 mit erhöhten Entzündungsprozessen einher – durch die schnellere Fettresorption.

BMBF-Projekt untersucht Diäten-Effekte

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) investiert über vier Jahre insgesamt 2,9 Millionen Euro in ein großes Forschungsvorhaben an der Universität Kiel, welches das Innovationsgebiet „Ernährungsepigenomik“ betrifft. Verschiedene Wissenschaftler des Exzellenzclusters Entzündungsforschung sind daran beteiligt. Im Mittelpunkt des von Professor Frank Döring geleiteten Projektes stehen die langfristigen Effekte von Diäten. Ernährungswissenschaftler, Biologen, Mediziner und Bioinformatiker untersuchen in verschiedenen Modellen (Fruchtfliege, Maus, Schwein) und beim Menschen, was eine Kalorienrestriktion bewirkt. Betrachtet werden hierbei sowohl negative (Jojo-Effekt) als auch positive (anti-entzündliche) Aspekte einer reduzierten Energiezufuhr und alternativen Diätstrategien. Es soll zudem geprüft werden, ob die Kalorienrestriktion nachhaltige Gesundheitswirkungen hat und inwiefern sie die Expression und Funktion zentraler Gene des Fettstoffwechsels und der Entzündung beeinflusst.

Am Ende des Projekts steht mit der „Vision Epifood“ die Entwicklung einer zweiten Generation von funktionellen Lebensmitteln, die eine Kalorienrestriktion imitieren und so gesundheitswirksam agieren können. Projektpartner sind neben der Kieler Universität das Leibnizinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN) Dummerstorf sowie kleinere und mittelständischen Unternehmen der Biotechnologie, Biomedizin und Meeresforschung.

Gemüse

 

Besser Essen bei Rheuma

Die Ernährungstherapie wurde in der Rheumatologie lange Zeit als Außenseitermethode belächelt. Das hat sich geändert. Mittlerweile gehört die Ernährungsberatung zum Therapieprogramm von Rheumapatienten. Ergänzend zur spezifischen medikamentösen Therapie können Patienten durch Umstellung der Ernährung ihre Beschwerden verringern und zum Teil sogar Schmerzmittel einsparen, indem sie zum Beispiel weniger Grundbausteine für Entzündungsbotenstoffe mit der Nahrung aufnehmen. Es gibt für die mehr als 400 verschiedenen rheumatischen Erkrankungen keine einheitliche Diät, aber fast für jede die Notwendigkeit einer Ernährungsberatung. Das hat auch die deutsche Gesellschaft für Rheumatologie erkannt und einen Arbeitskreis für Ernährungsmedizin gegründet. Dieser hat Ernährungs- Empfehlungen herausgegeben. Günstig ist demnach eine überwiegend vegetarisch orientierte Kost, ergänzt mit fettreichem Seefisch. Der Konsum von Fleisch- und Wurstwaren sollte stark eingeschränkt werden, da die in tierischen Fetten enthaltene Arachidonsäure Ausgangssubstanz von entzündungsfördernden Botenstoffen ist. Vorteilhaft hingegen sind Omega-3-Fettsäuren, vor allem Eicosapentaensäure (EPA) im Fischöl. Sie liefert das Grundgerüst für entzündungshemmende Botenstoffe. Mindestens zweimal in der Woche sollte daher fettreicher Meeresfisch wie Makrele, Lachs, Thunfisch oder Hering auf den Tisch. Den Nutzen einer Fischöl-reichen Ernährung haben verschiedene Studien nachgewiesen.

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