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Entzündung behandeln

Innovativ, interdisziplinär und individuell

Die möglichste rasche Umsetzung von Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung in den klinischen Alltag hat sich der Exzellenzcluster Entzündungsforschung zur Aufgabe gemacht. Die Strukturen dafür bieten die speziellen Entzündungseinheiten in Lübeck und Kiel – das Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin (CCIM). Wunder können Betroffene hier zwar auchnicht erwarten, aber einen Exzellenzvorsprung gibt es schon.

Fachlicher Austausch

Ein wesentliches Merkmal des Exzellenzzentrums Entzündungsmedizin (CCIM) sind die interdisziplinären Fallkonferenzen. „Einmal in der Woche kommen die Kolleginnen und Kollegen der verschieden Fachrichtungen zusammen, um über Patienten zu sprechen, bei denen mehrere Organe betroffen sind“, erklärt Professor Enno Schmidt, der das CCIM in Lübeck kommissarisch leitet. Überschneidungen gäbe es viele. „Von den Patienten mit Schuppenflechte haben zum Beispiel zehn Prozent auch eine schwere Gelenkbeteiligung. Und Patienten mit Morbus Crohn haben neben der chronischen Darmentzündung auch oft etwas an der Haut.“ Aber auch Augen und Niere, Lunge und Blutgefäße sowie alle anderen Organe und Gewebe können betroffen sein. Zu den wöchentlichen Konferenzen kommen daher Vertreter der Fachgebiete Dermatologie, Rheumatologie, Gastroenterologie, Augen-, Nierenund Lungenheilkunde bei Bedarf auch weitere Spezialisten. Die Betroffenen sollen nicht nur nach der jeweiligen Diagnose behandelt werden, sondern auch übergreifend. „Man muss eine Therapie finden, die auf alle beteiligten Organe gut wirkt. Da bringt jeder die Erfahrungen aus seiner Fachrichtung in die Diskussion ein“, berichtet der Dermatologe Schmidt.


Enno Schmidt
ist kommissarischer Leiter des Exzellenzzentrums Entzündungsmedizin (CCIM) der Universität zu Lübeck. Seit Januar 2008 ist der Professor für Dermatologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck tätig. Der Oberarzt an der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie leitet das Autoimmunologische Routinelabor sowie die Arbeitsgruppe „Translationale Modulation entzündlicher Hauterkrankungen“.

Enno Schmidt

Ganzheitliche Therapie

Auch hinsichtlich der Nebenwirkungen der Therapie ist es wichtig den Patienten ganzheitlich zu betrachten. „Bei rheumatischen Erkrankungen setzt man zum Beispiel gerne nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) ein, weil sie gut schmerzlindernd und gleichzeitig auch entzündungshemmend wirken“, ergänzt PD Dr. Susanna Nikolaus, die stellvertretende Leiterin des Kieler Entzündungshauses. „Diese sind bei Patienten mit chronischer Darmentzündung allerdings nur im Notfall und mit alleräußerster Vorsicht anzuwenden, da sie einen entzündlichen Schub auslösen können.“ Das sei zum Beispiel für Personen relevant, die an Morbus Bechterew – einer entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule – litten und gleichzeitig auch Morbus Crohn hätten. Eine solche Kombination gäbe es häufiger. „Hier muss man eben Präparate auswählen, die möglichst unschädlich für den Darm sind“, erklärt die Magen-Darm-Spezialistin.

Erfahrung mit Entzündungen

Das Exzellenzzentrum für Entzündungsmedizin als neugegründete Abteilung, ist Teil des Exzellenzclusters Entzündungsforschung im Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Ziel ist es hier, Patienten mit schwerwiegenden chronischentzündlichen Erkrankungen möglichst effizient und rasch in eine interdisziplinäre Behandlung zu überführen. Bei diesen Erkrankungen, zu denen zum Beispiel die Psoriasis (Schuppenflechte), die Rheumatoide Arthritis und der Morbus Crohn gehören, sind oft mehrere Organsystem gleichzeitig betroffen sodass eine rein organbezogene Behandlung nicht ausreicht. Eine interdisziplinäre Behandlung dieser Patienten war auch bisher üblich, wenn sich abzeichnete, dass mehrere Organsysteme betroffen sind. Neu ist, dass man diese Abläufe durch regelmäßige Interaktionen zwischen den einzelnen Fachdisziplinen, gemeinsame Konferenzen und angegliederte klinisch-wissenschaftliche Projekte, unter Einbeziehung erfahrener Grundlagenwissenschaftler, erheblich optimieren will. Für den Patienten präsentiert sich dadurch die Diagnostik und Therapie seiner Erkrankung wie “aus einem Guss”. Dies wird auch durch die räumliche Nähe der einzelnen Fachdisziplinen gefördert. Darüber hinaus kann der Patient dazu beitragen, die Ursachen seiner Erkrankungen zu beforschen, und kann von Spezialisten über die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse hinsichtlich seiner Erkrankung informiert werden.

 

Biomarker gesucht

Ein Schwerpunkt im CCIM ist auch das Sammeln und Untersuchen von Blut-, DNA- und Gewebeproben der Kranken. In Kombination mit Symptomen, Schwere der Erkrankung und anderen klinischen Daten erhofft man sich, Biomarker zu identifizieren, anhand derer die Therapie ausgewählt oder kontrolliert werden kann. „Wir machen zum Beispiel immunologische Tests, die nicht im Routineprogramm sind, und hoffen damit, Merkmale zu finden, die für einen bestimmten Krankheitsverlauf sprechen“, so Nikolaus. Bisher gäbe es bei Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen keinen zuverlässigen Blutparameter, um den Verlauf der Erkrankung zu überwachen oder den Erfolg einer Therapie zu kontrollieren. Die Untersuchungen zielen aber auch darauf ab, Gemeinsamkeiten zwischen Patienten zu finden, um darauf hin bei ähnlicher Konstellation auch dieselbe Therapie zu wählen.

Hautkrankheiten unterscheiden

Typisch für Patienten mit Pemphigus, einer blasenbildenden Autoimmunerkrankung der Haut, ist, dass sie im Blut Autoantikörper haben, also Antikörper gegen körpereigene Proteine. „Da haben wir die Chance, äußerlich ähnliche Erkrankungen an ihrem Antikörperprofil besser zu unterscheiden“, erklärt Enno Schmidt, der sich bereits seit fast 20 Jahren mit diesen zum Teil lebensbedrohlichen Hauterkrankungen beschäftigt. Die Unterscheidung sei wichtig, da es hinsichtlich Prognose und Therapieansprechen große Unterschiede gäbe. „Wir sind gerade dabei neue Testsysteme zu entwickeln, mit denen klinisch sehr ähnliche Krankheitsbilder differenziert werden können.“

 

Vortrag

Alle Fachleute an einem Tisch.

Untersuchung

Dr. Susanna Nikolaus untersucht eine Patientin.

Patient

Ein Patient mit schwerer Blasen bildender Autoimmunerkrankung der Haut wird mit Immunadsorption behandelt. Dabei werden die krankmachenden Antikörper aus dem Blut entfernt.

Susanna Nikolaus


Susanna Nikolaus
ist stellvertretende Leiterin des Exzellenzzentrums Entzündungsmedizin (CCIM) in Kiel. Die Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie arbeitet seit Dezember 1997 an der 1. Medizinischen Klinik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel.

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