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Entzündete Haut

Neurodermitis ist nicht gleich Neurodermitis

Die Neurodermitis zeigt ein heterogenes Krankheitsbild. Die entdeckten genetischen Mechanismen deuten darauf hin, dass die Erkrankung eher ein Syndrom als eine Krankheit ist. Sowohl genetisch als auch klinisch lassen sich Teilgruppen von Patienten abgrenzen, die auch unterschiedlicher Behandlung bedürfen. Davon ist Stephan Weidinger überzeugt. Der Experte für die Genetik von chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen erforscht an der Kieler Hautklinik die molekularen Mechanismen von Neurodermitis und Schuppenflechte.

Zur Neurodermitis sind bislang drei genomweite Assoziationsstudien durchgeführt worden. „Wir haben insgesamt eine Handvoll an gut bestätigten Risikovarianten gefunden, teilweise in Genen, teilweise zwischen Genen. Davon haben wir die vielversprechendsten ausgewählt und werden sie funktionell nachverfolgen“, berichtet Professor Stephan Weidinger, der bei diesen Studien zum Teil in führender Position beteiligt war. Bis sich diese Ergebnisse aus der Genetik im klinischen Alltag verwerten lassen, sei noch viel Forschung nötig. Aber erste Ansätze sieht der Professor für Dermatogenetik an die Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des UKSH, Campus Kiel, schon. Eine Erkenntnis aus den Genstudien sei, so Weidinger, „dass sich offensichtlich unterschiedliche Teilgruppen von Patienten abgrenzen lassen. Und das wird auch für die Behandlung wichtig werden.“

Unterschiede im Krankheitsbild

So habe ein Drittel der Menschen mit Neurodermitis eine Mutation im Filaggrin-Gen. Diese Personen produzieren weniger von dem Eiweiß Filaggrin, das für die Aufrechterhaltung der Hautbarriere wichtig ist. „Durch einen Mangel an Filaggrin wird die Haut durchlässiger für Umweltstoffe, und Irritantien und Allergene können leichter in die Haut eindringen und dort Entzündungen verursachen“, erklärt Weidinger. Interessanterweise lassen sich Neurodermitiskranke mit diesem Gendefekt auch klinisch gut charakterisieren. „Das ist ja immer so. Wenn man einen Marker hat und schaut dann genau hin, sieht man auch Unterschiede im Erscheinungsbild.“ Typisch seien zum Beispiel die ausgesprochen trockene Haut, eine vermehrte Handlinienzeichnung, eine höhere Allergiebereitschaft sowie ein früher Krankheitsbeginn, meist schon in den ersten zwei, drei Lebensmonaten, und die Tendenz zu einer lebenslangen Krankheitsdauer.

Neuer Therapieansatz für Neurodermitiskranke

„Diese Gruppe von Patienten lässt sich gut abgrenzen und wird schon jetzt mit dem, was als Therapie zur Verfügung steht, etwas anders behandelt“, so Weidinger. Eine Arbeitsgruppe in Schottland, mit der er kooperiere, arbeite derzeit an der Entwicklung einer speziellen Therapie, die an dem Filaggrin-Mangel ansetze.

Schutz- und Risikofaktoren für Neurodermitis

Dieses Beispiel zeige, welchen Beitrag die Genetik zum Verständnis von Krankheiten liefere. So wisse man jetzt, „dass offensichtlich die äußere Haut doch viel wichtiger als angenommen ist und die Neurodermiti nicht generell eine immunologische Erkrankung ist.“ Auch die Forschung bekomme eine neue Richtung. Denn nicht jeder Mensch mit der Mutation im Filaggrin-Gen bekommt auch Neurodermitis. Jeder 10. Deutsche trägt diese Mutation, von diesen entwickeln 40 Prozent eine Neurodermitis, 60 Prozent aber nicht.
Warum sind einige geschützt? Haben sie erbliche Besonderheiten, die den Nachteil ausgleichen? Oder sind sie anderen Umweltbedingungen ausgesetzt? Mit diesen Fragen werden sich zukünftige Projekte befassen. Weidinger: „Wir wollen verstehen, was noch notwendig ist, damit sich aus dem bekannten Gendefekt die Krankheit manifestiert. Außerdem wollen wir weitere Risikofaktoren finden, um noch weitere Patienten-Subpopulationen abgrenzen zu können und spezielle Therapieformen zu entwickeln.“

 

 

Neurodermitis

Starker Juckreiz, gerötete und geschwollene Hautbereiche, aufgekratzte Bläschen und trocknender Schorf – so sieht Neurodermitis (atopisches Ekzem) aus. Es ist die häufigste chronisch-entzündliche Hauterkrankung im Kindesalter.

 
Genetik

Personen mit atopischem Ekzem haben genetisch bedingt eine weniger dichte Hautbarriere. Das heißt, die Haut ist durchlässiger für Allergene oder Krankheitserreger, die eine Entzündungsreaktion in der Haut verursachen.

 

Stephan Weidinger
hat seit Mai 2011 eine Heisenberg-Professur für Dermatogenetik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Der Leiter der allgemeinen Hochschulambulanz an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie hat einen Ruf auf die TU München zugunsten der CAU abgelehnt. Seine Forschungsschwerpunkte sind molekulare Mechanismen chronischentzündlicher und allergischer Hauterkrankungen.

Stephan Weidinger

 Biomarker für individualisierte Therapie

Ein Forschungsziel sei außerdem, Biomarker für das spätere Therapieansprechen zu finden. Das wird derzeit bei Menschen mit Neurodermitis und solchen mit Schuppenflechte untersucht. „Wir haben für die Schuppenflechte mit TNF-Antikörpern eine spezielle Therapie, die zum Teil sehr erfolgreich ist, bei einem Teil der Betroffenen aber nicht wirkt. Es wäre hilfreich, wenn man vorhersagen könnte, welche Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit von der Therapie profitieren.“ Bei der Neurodermitis steht eine experimentelle Therapie mit IgE-Antikörpern auf dem Prüfstand. Um Biomarker für das Ansprechen auf die unterschiedlichen Therapien zu finden, werden die Betroffenen genetisch charakterisiert. Außerdem wird das Stoffwechselprofil (Metabolom) und damit hunderte von Biomolekülen erfasst.

Funktionelle Analysen von Genvarianten

Aber auch die molekularen Mechanismen der chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen werden in Weidingers Arbeitsgruppe weiter untersucht. Ein Ansatzpunkt ist eine Risikovariante, die in einer genomweiten Studie für die Neurodermitis gefunden wurde, und die auch für die chronisch-entzündliche Darmkrankheit Morbus Crohn relevant ist. „Um herauszufinden, was diese Risikovariante bewirkt, machen wir in Kooperation mit den Arbeitsgruppen von Andre Franke und Philipp Rosenstiel funktionelle Analysen. Dabei beschäftigen wir uns auch mit der Expression benachbarter Gene. Wir versuchen herauszufinden, wo das ursächliche Gen liegt und was da passiert. Es scheint ein Mechanismus zu sein, der gleichermaßen wichtig ist für Morbus Crohn wie für die Neurodermitis.“

Metabolom – Profil des Stoff wechsels

Der Begriff Metabolom wurde in Analogie zu den Begriffen Genom, Transkriptom und Proteom geprägt und leitet sich von Metabolismus (Stoffwechsel) ab. Die Erforschung des Metaboloms wird als Metabolomik bezeichnet. Das Metabolom fasst alle charakteristischen Stoffwechsel-Eigenschaften einer Zelle oder eines Gewebes zusammen. Im Metabolom werden alle Stoffwechselprodukte einer Blut-, Speichel- oder Gewebeprobe gleichzeitig erfasst. „Das setzt ein sehr standardisiertes Vorgehen voraus, da die Technik sehr störanfällig ist“, sagt der Dermatologe Professor Stephan Weidinger. Bei Untersuchung von Blut zum Beispiel müsse die Probe von allen Personen zur gleichen Zeit abgenommen werden und es dürften keine Medikamente eingenommen worden sein.

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