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Entzündung im Bauchfett

Verstehen, warum Übergewicht krank macht

Diabetes mellitus – eine Entzündungskrankheit? Einiges spricht dafür, dass die Stoffwechselerkrankung zumindest teilweise durch Entzündungsprozesse verursacht wird, die im übermäßigen Bauchfett ihren Ursprung haben. Der Kieler Diabetologe Matthias Laudes erforscht die zugrunde liegenden Entzündungsreaktionen im Fettgewebe.

Nicht bei jedem Menschen führt starkes Übergewicht (Adipositas) zu Insulinresistenz und Diabetes mellitus. Problematisch wird die übermäßige Fettansammlung vor allem bei denjenigen, die Entzündungsreaktionen im Blut haben. „Bei vielen Menschen mit Adipositias finden wir chronisch erhöhte Entzündungswerte. Das sind vor allem die, die Stoffwechselkomplikationen entwickeln“, berichtet Professor Matthias Laudes von der Klinik für Innere Medizin I am UKSH, Campus Kiel. Umgekehrt sei es so, dass fettleibige Menschen, die keinen Diabetes bekommen, auch häufig keine auffälligen Entzündungswerte hätten. „Offensichtlich führen Entzündungsprozesse im Fettgewebe zu den Folgeerkrankungen, die mit Übergewicht assoziiert sind“, erklärt der Diabetologe. Diese genauer zu charakterisieren und neue Angriffspunkte für Therapien zu entwickeln, ist Gegenstand seiner Forschung. „Wir untersuchen die Entzündungszellen, speziell die Makrophagen im Fettgewebe und haben ein Molekül identifziert, das von diesen freigesetzt wird. Dieser Botenstoff ist ein Glykopeptid und heißt wnt5a. Durch den Einfluss von wnt5a können Fettzellen nicht mehr so gut Fett speichern. Es lagert sich stattdessen in Leber und Muskulatur an.“ Die Folge: Leber und Muskel reagieren schlechter auf Insulin, werden also insulinresistent. Und Insulinresistenz ist die Vorstufe von Diabetes (Int J Obes 2011, 35:1450-1454).

Matthias Laudes

Matthias Laudes
ist seit März 2011 Professor für klinische Ernährungsmedizin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. An der Klinik für Innere Medizin I leitet der Endokrinologe, Rheumatologe und Diabetologe die interdisziplinäre Adipositas-Ambulanz. Schwerpunkt seiner Forschung sind Entzündungsreaktionen im Fettgewebe, die bei der Entstehung von Adipositas und Diabetes mellitus eine wichtige Rolle spielen.

Weniger Entzündungsprozesse nach Diät

Bei Menschen mit Adipositas kann man den Botenstoff wnt5a auch im Blut feststellen. „Im Vergleich zu gesunden, schlanken Kontrollen haben Personen mit Adipositas und Diabetes höhere wnt5a-Spiegel“, so Laudes. In einer Studie untersuchte der Wissenschaftler, ob die Blutwerte des Botenstoffs durch Gewichtsreduktion sinken (PLoS ONE 2012; 7:e32437). „Wir haben Übergewichtige mit einer speziellen Diät mit Eiweißdrinks über 12 Wochen behandelt und eine Gewichtsabnahme von im Schnitt 20 Kilogramm erreicht.“ Auf den wnt5a-Spiegel habe dies jedoch keinen Effekt gehabt. Aber der körpereigene Hemmstoff sFRP5, der wnt5a abfange, sei signifikant angestiegen. Daraus folgert Laudes: „Durch eine Gewichtsreduktion lässt sich das wnt5a-Kontrollystem günstig beeinflussen.“ Dass bei Gewichtsabnahme die Entzündungsreaktionen weniger werden, sei bekannt gewesen. Der entdeckte Mechanismus könnte eine Erklärung dafür sein, warum das so ist.

In weiteren Studien möchte Laudes’ Arbeitsgruppe klären, wie die Freisetzung von wnt5a in Makrophagen reguliert wird. Die Idee ist, eine Möglichkeit zu finden, zu verhindern, dass die Makrophagen zumindest im Fettgewebe diesen Botenstoff nicht mehr freisetzen. „In Zellkulturstudien haben wir bereits festgestellt, dass Regulation von wnt5a eher über TNF-α als über Interleukin-6 läuft“, so Laudes. Außerdem gebe es Ernährungsfaktoren, die einen Einfluss hätten. Getestet hat er die gesättigte Fettsäure Palmitinsäure, die zum Beispiel in Palmöl, Rindertalg oder Butterfett reichlich enthalten ist, und die einfach ungesättigte Fettsäure Ölsäure, die im Olivenöl zu einem hohen Anteil vertreten ist. Dabei kam heraus: „Palmitinsäure ist offenbar besonders schlecht und Ölsäure besonders gut.“

Forschungsverbund FoCus

Die Arbeitsgruppe von Professor Matthias Laudes ist auch im BMBF-Kompetenznetzwerk Food Chain Plus (FoCus) beteiligt. Das von der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät der CAU koordinierte Netzwerk mit Partnern aus Industrie und Forschung hat zum Ziel gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe in der Milch zu identifizieren und in Milchprodukten zu nutzen.

„Wir sind mit dem Aufbau der Kieler-Interventions- Kohorte (KIK) und der anschließenden Interventionsstudie an FoCus beteiligt“, erklärt Laudes. Mit der Kohorte, in die 2000 Männer und Frauen aufgenommen werden, soll der Zusammenhang zwischen Ernährung und Entzündung untersucht werden. Zum einen soll die Frage beantwortet werden, ob es spezielle Ernährungsweisen gibt, die mit Entzündungsreaktionen im Körper assoziiert sind. Zum anderen werden die innerhalb des FoCus- Verbundprojektes entwickelten funktionellen Milchprodukte darauf getestet, ob sie anti-entzündlich wirken.

Dazu werden die Personen in der Kohorte detailliert über ihr Ernährungsverhalten befragt, sie werden körperlich untersucht und gewogen. Es wird DNA für genetische Analysen isoliert sowie RNA für Expressionsanalysen. Aus dem Urin werden alle Stoffwechselprodukte (Metabolom) analysiert und in Stuhlproben die Darmflora (Mikrobiom) erfasst. Die Blutuntersuchung umfasst neben den Routine-Laborparametern auch Entzündungswerte wie CRP, IL-6 sowie verschiedene Fettstoffwechselund Insulinresistenzparameter.

Das 2010 gestartete Projekt läuft über fünf Jahre, drei Jahre Sammelphase und zwei Jahre
Interventionsphase.

http://www.focus.uni-kiel.de

Entzündung und Fettstoffwechsel

In einem zweiten Projekt beschäftigt sich der Internist mit einer speziellen Fettstoffwechselstörung, der Hyperlipoproteinämie, die mit erhöhten Werten von Lipoprotein a, kurz Lp(a), im Blut einhergeht. Lp(a) ist Bestandteil der Blutfette und unabhängiger Risikofaktor für Herzinfarkt. Laudes: „Das ist ein sehr atherogener Fettpartikel, von dem die meisten Menschen ganz wenig im Blut haben. Aber es gibt seltene Fälle, wo es sehr hohe Werte gibt. Und diese Personen haben ein hohes Herzinfarkt-Risiko.“ Bisher gibt es nur wenig Therapiemöglichkeiten für Betroffene. Das verfügbare Medikament, Nicotinsäureamid, wird nicht besonders gut vertragen. Und eine zweite Therapieoption ist die Lipidapherese, eine Art Blutwäsche. „Das macht man, wenn ein Patient mit hohem Lp(a)-Wert mehrere Infarkte hatte.“

Die Blutspiegel von Lipoprotein(a) sind genetisch festgelegt. Man weiß aber, so Laudes, „dass bei sehr starken Entzündungen, zum Beispiel bei der Sepsis, die Werte stark ansteigen können.“ Offensichtlich werden die Lp(a)-Spiegel auch über Entzündungen beeinflusst. Versuche an Zellkulturen und epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass hierbei das proinflammatorische Zytokin Interleukin-6 (IL-6) eine Rolle spielt. Ein Therapieversuch mit einem Antikörper gegen den IL-6-Rezeptor (Tocilizumab) habe bei Personen mit hohem Lp(a)-Spiegel zum relevanten Absinken der Blutwerte geführt (PLoS ONE 2010; 5: e14328).

In der zweiten Exzellenzcluster-Phase plant Laudes eine Studie mit Tocilizumab, das bisher nur für die Rheumatherapie zugelassen ist. „Wir möchten den Antikörper bei Personen mit hohem Lp(a)-Spiegeln einsetzen, in der Hoffnung eine Alternative für die Blutwäsche zu finden.“

Fettgewebe

Immunhistologie einer Fettgewebe-Biopsie von einem Adipositas-Patienten mit Typ 2 Diabetes. Die leuchtenden Zellen sind Makrophagen, die wnt5a exprimieren.

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