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"In komplexen Zusammenhängen denken"

Interview mit Stefan Schreiber

Im Juni 2012 kam der Bescheid: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat den Antrag für die zweite Förderperiode des Exzellenzcluster Entzündungsforschung positiv begutachtet und ermöglicht damit die Fortführung der erfolgreichen Arbeit bis 2017. Wie es weiter geht und wo die Schwerpunkte der zukünftigen Agenda liegen, erklärt Clustersprecher Professor Stefan Schreiber von der Universität Kiel.

Was, glauben Sie, hat die DFG-Begutachter besonders überzeugt?

Stefan Schreiber : Ich glaube, dass unser Konsortium ein besonders innovatives Konzept verfolgt. Die Innovation zeigt sich auf inhaltlicher und struktureller Ebene. Wir begreifen und studieren Entzündung als ein systemisches und dazu alle Barrierorgane gleichzeitig betreffendes Phänomen. Und auch unser struktureller Ansatz ist innovativ, indem wir das Miteinander zwischen Naturwissenschaftlern und Medizinern durch eine Reihe von besonderen vernetzenden Maßnahmen unterstützen. Dazu gehören zum Beispiel gemeinsame Ausbildungsaktivitäten ebenso wie von mehreren Fakultäten getragene Karrierewege. Die Clusterförderung ermöglicht gerade den aktiven jüngeren Wissenschaftlern einen besonderen Freiraum in der Forschung früh in ihrer Entwicklung.

Trotz der Erfolge war es nötig, die wissenschaftliche Struktur neu zu ordnen. Warum?

Wir haben erkannt, dass die ursprüngliche Idee – einzelne Krankheitsgene verursachen strukturelle, molemolekulare und klinische Ausprägungen von chronischen Entzündungen – biologisch nicht zutreffend ist. In Wirklichkeit ist die Zahl der Krankheitsgene doch wesentlich größer als vor einigen Jahren angenommen. Zu dieser Erkenntnis hat auch unsere Forschung in besonderem Maße beigetragen. Aber das bedeutet auch, dass wir auf der funktionellen Seite nicht Gen für Gen jeweils nacheinander und jeweils für sich in ein molekulares Verständnis überführen können. Wir müssen stattdessen in komplexen Zusammenhängen denken und brauchen einen umfassenderen Zugang, um die Interaktionen von ganzen Gruppen von verursachenden Prinzipien als Ganzes zu verstehen. Hier unterstützt auch eine mathematische Modellierung wie sie in der Systembiologie entwickelt wird. Wir müssen in jeder einzelnen Stufe der Forschung vernetzt analysieren, und wir müssen diese vernetzten Inhalte in ein modellhaftes Verständnis und schließlich in ein klinisches Verständnis überführen.

Aus diesem Grund haben wir wesentliche Teilbereiche des Clusters in ihrer wissenschaftlichen Interaktion neu strukturiert. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten jetzt in neu definierten Research Areas eng mit Cluster-Laboratorien  zusammen und untersuchen Schlüsselelemente der Entzündungsentstehung auf den verschiedenen Ebenen.

 Was genau verstehen Sie unter Clusterlaboren?

Wir betrachten Cluster-Labore, im Sinne des amerikanischen „laboratory“, wo mit einem Labor nicht nur die Erbringung einzelner Techniken gemeint ist, sondern eine Wissensumgebung, die sehr stark geprägt ist von Aspekten der inhaltlichen und technologischen Exzellenz, aber auch der Offenheit. Hierhin können sich Wissenschaftler bewegen, vielleicht ausgehend von klinischen Fragestellungen, um in eine Umgebung zu kommen, die ihnen hilft, diese Fragestellungen zu lösen. Die Clusterlabore sind in thematischen Kernbereichen gegründet worden, in denen wir sehen, dass eine methodische Kompetenz mit einer hohen kritischen Masse eine entscheidende Voraussetzung für wissenschaftliches Verständnis ist.

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ein weiterer Schwerpunkt im  Cluster. Wie sieht diese Förderung konkret aus?

Wir fördern den wissenschaftlichen Nachwuchs auf verschiedenen Ebenen. Durch einen interdisziplinären Masterstudiengang versuchen wir Mediziner wie auch Nicht-Mediziner in das Feld der molekularen Lebenswissenschaften hineinzubringen, insbesondere aber auch in das Feld der entzündungsrelevanten Aspekte der molekularen Lebenswissenschaften. Die Medizinische Fakultät der Universität Kiel hat damit neben Medizin und Zahnmedizin einen dritten Studiengang etabliert.

Die nächste Ebene stellen zwei Graduiertenkollegs in Lübeck und Kiel mit den Themenschwerpunkten “Modulation von Autoimmunität” und “Gene, Umwelt und Entzündung” dar. Das Lübecker Graduiertenkolleg konzentriert sich komplett auf Lübecker Lehrende, das Kieler Graduiertenkolleg spiegelt die Breite der interdisziplinären Aufstellung des Clusters über die verschiedenen Standorte wider.

Darüber hinaus vergeben wir Projektfinanzierungen durch Förderprogramme, vor allem für den wissenschaftlichen Nachwuchs, und ermöglichen mit diesen erweiterten finanziellen Mitteln den jüngeren Forschern bereits früh Verantwortung bei der Gestaltung ihres Forschungsbereichs zu übernehmen. Zusätzlich versuchen wir eine Exellenzakademie in Schleswig-Holstein zu etablieren, in der ganz bewusst besonders innovative Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengespannt werden. Zwei dieser Maßnahmen – den Masterstudiengang und die Exzellenzakademie – sind hoch innovativ; die finden Sie so nicht an anderen Standorten.

Die Nachwuchsentwicklung ist für den Cluster eines der primären Ziele. Denn neue Themen und Innovationen im Hauptthema sind nur dann leistbar, wenn sich auch die jüngeren Talente beständig vom Cluster angezogen fühlen und sich einbringen. Und auch für das Land Schleswig-Holstein ist es lohnend, wenn Menschen am Standort in solchen Bereichen ausgebildet sind, die über das Land hinaus, national und international attraktiv sind. Wo diese Menschen ausgebildet werden, wo dieses Wissen existiert, siedeln sich Firmen an, und das stärkt natürlich den Wirtschaftsstandort.

Mit dem Aufbau des Exzellenzzentrums Entzündungsmedizin haben Sie in der Versorgung  von Patienten mit chronischen Entzündungskrankheiten Maßstäbe gesetzt. Welche  weiteren Fortschritte sind für Patienten zu erwarten?

Das Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin ist die klinische Ausprägung des Clusters, in der ebenso wie in der Forschung interdisziplinär gearbeitet wird. Sowohl in Lübeck als auch in Kiel sind Standorte entstanden, an denen die Patientenversorgung revolutioniert wurde. Die Reorganisation der bestehenden Therapie und Diagnostik ist schon einen großen Schritt voran gekommen. Neue diagnostische und therapeutische Verfahren, die in dem Cluster erzeugt oder angestoßen wurden, werden in den nächsten Jahren zur Anwendung kommen. So entstehen beispielsweise in der Lübecker Dermatologie neue diagnostische Verfahren, die demnächst industriell hergestellt werden. Neue Therapieverfahren im Bereich der Darmentzündung, die in der Kieler Clusterumgebung entwickelt wurden, erreichen bereits die ersten Studien beim Menschen.

Welche neuen Akzente setzen Sie in der zweiten Förderphase?

In der zweiten Förderphase wollen wir vor allen Dingen näher an den Menschen zurück. Wir haben bisher sehr viele Strukturen aufgebaut, und wir haben Grundlagenerkenntnisse geschaffen, die den Cluster national und international bekannt gemacht haben. Jetzt wollen wir dichter an die diagnostische und therapeutische Situation heran. Das heißt nicht, dass wir jetzt nur noch Anwendungsforschung machen. Aber wir werden alles dahingehend durchleuchten, ob es in Richtung Anwendung geht und in dieser Entwicklung verstärkt werden kann.

Die Grundlagenforschung im Cluster hat erbracht, dass die verschiedenen Entzündungskrankheiten wesentlich ähnlicher sind, als sich das in der Aufteilung der Medizin in Hauterkrankungen, Darmerkrankungen, Lungenerkrankungen usw. widerspiegelt. Daraus ergeben sich vielleicht Untergruppen von Patienten, die unabhängig von der äußeren Manifestation der Entzündung an Haut, Darm oder Lunge sind. Patienten aus verschiedenen  Krankheiten indikationsübergreifend zu neuen Gruppen zusammenzuführen, könnte ein erfolgversprechender Ansatzpunkt sein, um die medizinische Versorgung zu verbessern. Dazu müssten die bisherigen Instrumente in Diagnostik und Therapie neu und effizienter organisiert werden. Das hört sich trivial an, lässt sich aber nicht so einfach umsetzen. Denn man darf nicht vergessen, dass in der Medizin ein sehr hoher Spezialisierungsgrad erreicht worden ist.

Man muss sich das so vorstellen, als ob man bei Airbus alle Komponenten, die für den Bau von Jets genutzt werden, dazu verwendet, einen Superhubschrauber zu bauen. Ich bin mir sicher, dass Airbus das auch schaffen würde, aber es bräuchte eine enorme Reorganisation, um die bisherigen Komponenten zu einem solchen neuen technologischen Miteinander zusammenzufügen. So ähnlich wäre auch das Unterfangen, das wir hier in der Medizin als  ersten Schritt vorhaben.

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