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Fachwissen und Vernetzung

Interview mit Johann Oltmann Schröder und Diamant Thaçi

Das Exzellenzzentrum für Entzündungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein ist die Spezialklinik des ‚Exzellenzcluster Entzündungsforschung’. Hier arbeiten Ärztinnen und Ärzte verschiedener Disziplinen zusammen, tauschen sich aus und kooperieren eng mit der Grundlagenforschung. Wie davon Erkrankte profitieren, schildern Professor Johann Oltmann Schröder und Professor Diamant Thaçi, die die Zentrumsstandorte in Kiel und Lübeck leiten.


Herr Professor Schröder, vor fünf Jahren sind Sie hier auf dem Kieler Campus in die Entzündungsambulanz eingezogen. Was hat sich für Patienten konkret geändert?

Johann Oltmann Schröder: Das Wichtigste ist: Es steht für Patientinnen und Patienten mehr Fachwissen zur Verfügung, vor allem in der Form spezialisierter Sprechstunden. Mein Fachgebiet zum Beispiel, die Rheumatologie, war bis dahin am Campus Kiel nicht vertreten. Sie wurde von einer anderen Klinik hierher verlegt und konnte stark ausgebaut und mit den anderen Ambulanzen vernetzt werden. Auch die anderen Sprechstunden, zum Beispiel für chronischentzündliche Darmerkrankungen (CED) sind besser besetzt. Darüber hinaus stehen die verschiedenen Disziplinen in einem ständigen Austausch untereinander. Das wird dadurch erleichtert, dass sie zumeist in einem Ambulanzhaus zusammen kommen. Falls ein Fachgebiet seine Sprechstunde nicht in diesem Gebäude abhält, kommen die Spezialisten zu uns. So bekommt ein Patient mit Krankheitserscheinungen verschiedener Organe im Idealfall gleich auf alle Fragen die gewünschten Antworten, die zudem zwischen den verschiedenen Fachärzten abgestimmt sind.
Ein weiterer sichtbarer Fortschritt sind die interdisziplinären Fallkonferenzen. Hier kommen alle Kolleginnen und Kollegen aus den Spezial-Sprechstunden einmal pro Woche zusammen. Während es dabei anfangs um 5 bis 6 Fälle ging, besprechen wir inzwischen 15 bis 20 Fälle. Als Ergebnis der Beratung werden Empfehlungen beschlossen, die protokolliert und in die elektronischen Krankenakte eingestellt werden. Auch niedergelassene Kollegen nehmen inzwischen über Video- oder Telefonkonferenz teil.


Herr Professor Thaçi, Sie haben im Juni 2013 die Lübecker Ambulanz des Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin übernommen. Außerdem hat die Ambulanz neue Räume bezogen. Hat sich dadurch für Patienten etwas geändert?

Diamant Thaçi: Ja definitiv. Wir haben seitdem Baumaßnahmen durchgeführt, Personal aufgebaut und können seit der Neueröffnung im November 2013 richtig durchstarten. Am Anfang kamen nur wenige Patienten, aber es werden jeden Tag mehr. Denn die Betroffenen machen hier gute Erfahrungen und das spricht sich herum. Im Vergleich zu meinen ersten Tagen hier in Lübeck hat sich die Zahl der Patienten vervielfacht.
Entscheidend ist, dass auch hier in Lübeck die Interdisziplinarität lebt und zwar nicht nur an einem Tag, an dem es eine interdisziplinäre Fallkonferenz gibt, sondern jeden Tag. So habe ich zum Beispiel gemeinsam mit meinem Stellvertreter, dem Rheumatologen Professor Peter Lamprecht, eine gemeinsame Sprechstunde eingerichtet. Kooperationen ergeben sich aber nicht nur innerhalb des Klinikums, sondern auch in der Region und überregional. Das ist für mich ein entscheidender Fortschritt, dass man alle Beteiligten miteinander vernetzt.

Johann Oltmann Schröder
ist seit 2009 Leiter des Zentrums für Entzündungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, zugleich Leiter der Sektion Rheumatologie. Schwerpunkte in Klinik und Forschung: Systemischer Lupus erythematodes.

 

 

Diamant Thaçi
ist seit Juni 2013 Leiter des Zentrums für Entzündungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Zuvor Oberarzt und Leiter der dermatologischen klinischen Forschung und Leiter der Photodermatologie in der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Universität in Frankfurt/Main.


Wer nutzt das spezielle Versorgungsangebot, dass dieses Zentrum bietet?

Johann Oltmann Schröder: Das sind Patienten, bei denen ein Problem ungelöst ist. Entweder gibt es noch keine überzeugende Diagnose oder keine wirksame und gut verträgliche Therapie. Die niedergelassenen Kollegen schätzen das Angebot, weil Sie einen Ansprechpartner gefunden haben, der Ihnen hilft, für Ihren Patienten eine Lösung zu finden.

Diamant Thaçi: Ich bin Dermatologe, daher liegt auch der Schwerpunkt hier in Lübeck bei der Versorgung von und klinischen Forschung mit Hautkranken. Das sind vor allem Patienten mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen wie Psoriasis (Schuppenflechte) und atopischer Dermatitis (Neurodermitis), aber auch solche mit Allergien oder Autoimmunenerkrankungen der Haut.

Am Kieler Standort wurde für das Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin (Comprehensive Center for Inflammation Medicine, CCIM) das Gebäude in der Schittenhelmstraße 12 komplett renoviert und 2009 eröffnet.


Abgesehen von der interdisziplinären Betreuung der Patientinnen und Patienten wird mit der Entzündungsklinik auch das Ziel verfolgt, das Klinik und Forschung enger zusammenrücken. Ist das gelungen?

Johann Oltmann Schröder: Auf jeden Fall. Das Wichtigste ist, dass wir Blut- und Gewebeproben der Patienten sammeln, um die Prozesse, die den Erkrankungen zugrunde liegen, biologisch zu verstehen. Das Material, das wir gewinnen, wird in der Daten- und Biobank popgen gespeichert. Seit der Inbetriebnahme des Entzündungszentrums haben wir rund 1.400 Bioproben neu gesammelt. Diese stammen aus verschienenen Projekten, darunter Studien zur Erfassung von Risikogenen, Studien zu Wirkmechanismen einer Behandlung und zur Therapiesicherheit. Hier können wir jetzt zunehmend die Ernte einfahren, d.h. die vor mehreren Jahren gestarteten Untersuchungen sind reif für die Auswertung. So konnten Hautklinik, Gastroenterologie und Rheumatologie die international größte prospektive Studie zur Häufigkeit und zu den Wirkmechanismen unerwünschter Autoimmunphänomene unter TNF-Inhibitoren abschließen.

Diamant Thaçi: Wir haben eine Reihe von Projekten geplant, in denen wir die Erkrankungen fachübergreifend untersuchen. Beteiligt sind zum Beispiel die Rheumatologie, die Kardiologie, die Radiologie und die Augenheilkunde. Denn chronisch-entzündliche Erkrankungen wie die Schuppenflechte konzentrieren sich nicht nur auf die Haut, sondern gehen mit Begleiterkrankungen zum Beispiel an Gelenken, Augen oder Herz und Gefäßen einher. Die Frage ist, was steht im Vordergrund? Wir wollen die Therapie optimieren. Wir wollen, dass unsere Patienten keinesfalls nur eine symptomatische, organspezifische Therapie bekommen, sondern dass wir die Therapie interdisziplinär optimieren und den Bedürfnissen der Patienten anpassen.


Bitte erklären Sie das an einem konkreten Beispiel?

Diamant Thaçi: In einem bundesweiten Projekt wollen wir Psoriasis-Erkrankte mit einem neuen Präparat behandeln, einem monoklonalen Interleukin- 17-Antikörper. Uns interessiert nicht nur Wirksamkeit und Verträglichkeit des Präparates, sondern vielmehr wie es sich im Hinblick auf kardiovaskuläre Begleiterkrankungen, speziell auf das Arterioskleroserisiko auswirkt. Vor und während der Therapie wird daher auch die Funktion der Blutgefäße, wie Elastizität und Steifigkeit, in der Kardiologie beurteilt. Ergänzend wird in der Radiologie mittels Bildgebung der Entzündungsgrad der Gefäße geprüft.
Außerdem suchen wir in den genetischen Informationen unserer Patienten nach Prädiktoren, die das Ansprechen auf eine bestimmte Therapie vorhersagen können, oder einen Hinweis darauf geben, wer ein erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen wie Arthritis, Bluthochdruck oder Diabetes hat.

Der interdisziplinäre Austausch ist ein wesentliches Merkmal im CCIM auch außerhalb der Fallkonferenzen.


Gibt es bereits Ergebnisse aus der Cluster-Forschung, die Sie direkt in der Klinik anwenden können?

Johann Oltmann Schröder: Ja. Allein schon dadurch, dass wir im Cluster an Therapiestudien teilnehmen. Alle großen Fächer der Entzündungsmedizin, die Dermatologie, die Gastroenterologie und die Rheumatologie waren, zum Teil mit großen Patientenzahlen an Studien beteiligt, in denen neue Substanzen geprüft wurden. Diese Medikamente sind jetzt auf dem Markt, wir haben zu deren Zulassung beigetragen. Darüber hinaus gibt es andere praxisrelevante Ergebnisse. So haben zum Beispiel die CEDSpezialisten einen Biomarker identifiziert, mit dem sich das voraussichtliche Ansprechen einer Interleukin 12/23-Blockade besser vorhersagen lässt.

Diamant Thaçi: Wir haben ja gerade erst mit der Forschung hier begonnen. Aber wir waren die Ersten, die zeigen konnten, dass ein neues Präparat, ein Interleukin-4/13-Antagonist bei der Indikation atopische Dermatitis wirkt. Das Medikament befindet sich in der frühen Entwicklungsphase und durch die Möglichkeiten, die wir hier im Cluster haben, waren wir die Ersten, die die Substanz angewendet haben.


Herr Professor Schröder, geben Sie einen Ausblick, wie geht es weiter speziell mit dem Fach Rheuma in Kiel?

Johann Oltmann Schröder: Die Idee, alle entzündungsmedizinisch interessierten Fachgebiete zusammenzuführen hat sich bewährt. Die Rheuma- Ambulanz gehört hier zu den großen Ambulanzen. Wir machen etwa zehnmal mehr Konsile für andere Klinken als früher. Das heißt, man erkennt den Stellenwert des Fachs, man fordert uns an. Das hat die Rheumatologie dem Entzündungscluster zu verdanken. Das Fach ist hier im klinischen Altag unverzichtbar. Für die Fortsetzung der Entzündungsmedizin auf universitärem Niveau brauchen wir aber eine Struktur, die dem Fach einen eigenen wissenschaftlichen Auftrag zuschreibt und ihm dafür auch eine Mindestausstattung zuordnet, kurz, wir brauchen einen eigenen Lehrstuhl Rheumatologie, den es bisher an der CAU nicht gibt. Im Moment haben wir viel Rückenwind dafür, dass in der Cluster-Nachfolgephase ein solcher Lehrstuhl eingerichtet wird.


Herr Professor Thaçi, geben Sie bitte einen Ausblick, in welche Richtung steuert die Lübecker Ambulanz? Wo sehen Sie ein besonderes Potenzial?

Diamant Thaçi: Ich denke, wir haben eine sehr gute Zukunft und werden auf jeden Fall weiter in Richtung Interdisziplinarität gehen. Wir wollen chronisch-entzündliche Erkrankungen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und vor allem schauen, was sich vor und während der Therapie ändert. In Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Cluster-Laboren, hoffen wir auch Erkenntnisse zu gewinnen, die in proof-ofconcept- Studien münden können. Das bedeutet, dass wir entweder selbst neue Präparate entwickeln, neu entwickelte Wirkstoffe als eins der ersten Zentren weltweit anwenden oder neue Facetten von bereits bestehenden Präparaten entdecken werden.

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