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Schlechtes Fett, gutes Fett

12.04.2014, unizeit

Nun auch noch Krebs. Menschen mit XXL-Maßen drohen nicht nur Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt und andere Herz- Kreislauf-Leiden oder Gelenkerkrankungen. Dicke bekommen auch häufiger Krebs als Dünne.

Diesen statistischen Zusammenhang wies Dr. Sabrina Schle­singer in ihrer Promotion am Beispiel von Leber- und Gallen­blasenkrebs nach. Grundlage der Arbeit waren Daten der EPIC- Studie (European prospective investigation into cancer and nutrition). Diese 1992 gestartete europäische Bevölkerungs­studie erforscht die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Lebenssweise, Krebs und anderen Erkrankungen. In Koopera­tion mit dem Deutschen Studienzentrum der EPIC-Studie, dem Deutschen Institut für Ernäh­rungsforschung (DIfE) in Potsdam, analysierte die Doktorandin im Exzellenzcluster Entzün­dungsforschung die Daten von über 360.000 Männern und Frauen, die an der Studie teilge­nommen hatten. Von diesen erkrankten 177 an Leberkrebs und 76 an Krebs der Gallenblase.

Statistische Auswertung der Daten

  • Adipositas (Fettleibigkeit), definiert als BMI über 30 (siehe unten), erhöht das Risiko für Leber- und Gallenblasenkrebs um mehr als das Doppelte im Vergleich zu Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Normalgewicht
  • unabhängig vom BMI ist auch ein erhöhter Bauchumfang ein Risikofaktor für beide Krebs­arten. Personen mit einem erhöhten Taillenumfang (=88 cm bei Frauen und =102 cm bei Männern) haben ein doppelt so hohes Risiko im Vergleich zu solchen mit einem niedrigeren Taillenumfang
  • Typ-2-Diabetes erhöht ebenfalls das Risiko für Leber- und Gallenblasenkrebs, wobei Betrof­fene mit Übergewicht das höchste Krebsrisiko hatten. Über welche Mechanismen Überge­wicht oder Typ-2-Diabetes das Risiko für Krebs erhöhen, ist nicht klar. Im Verdacht stehen entzündliche Prozesse im Fettgewebe. Denn dieses ist nicht nur ein Depot für überschüs­sige Nahrungsenergie, sondern produziert auch entzündungsfördernde Botenstoffe.

»Adipositas und insbesondere das Bauchfett sind mit erhöhten Entzündungsmarkern wie IL-6 (Interleukin 6) oder CRP (C-reak­tives Protein) assoziiert. Diese könnten bei der Krebsent­steh­ung eine Rolle spielen«, erklärt die Wissenschaftlerin vom Institut für Epidemiologie (Direktor: Professor Wolfgang Lieb). Daneben gibt es weitere Moleküle, die die Krebsentstehung fördern könnten. Dazu zählen Insulin und verschiedene Wachs­tumsfaktoren. Wie Menschen nach überstandener Krebser­krankung ihre Prognose verbessern können, dazu gibt es wenig Hinweise aus der Forschung.
»Bisher wird ihnen nur geraten: Halten Sie sich an die Empfeh­lungen für die Krebsprävention«, so Schlesinger. Keineswegs sicher ist, ob das auch für Krebskranke sinnvoll ist. Zumindest was das Körpergewicht angeht, hält die Ernährungs­wissen­schaftlerin und Epidemiologin Skepsis für angebracht. Denn die Formel: je schlanker, desto bes­ser, trifft möglicherweise nicht immer zu. Für Darmkrebsüberlebende könnten kleine Pölsterchen vorteilhaft zu sein, wie ein weiterer Teil ihrer Doktorarbeit ergeben hat.

Um herauszufinden, ob Übergewicht einen Einfluss auf das Überleben von Menschen mit Darm­krebs hat, analysierte Schlesinger entsprechende Daten der Biobank PopGen. Über 2.000 Per­sonen mit dieser Diagnose gingen in die Auswertung ein. »Wir fanden Hinweise dafür, dass Über­gewicht ein protektiver Faktor war, das heißt, Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Übergewicht hatten im Vergleich zu Normalgewichtigen in diesem Studienzeitraum ein vermindertes Sterbe­risiko. Die Ergebnisse waren aber nicht statistisch signifikant.« Die gemeinsame Auswertung mit vier weiteren Studien, die diesen Zusammenhang untersuchten, ergab jedoch einen statistisch signifikanten Überlebensvorteil für Übergewichtige, also Personen mit einen BMI zwischen 25 und 30, nicht aber für Fettleibige (BMI über 30).

Dieses als Adipositas-Paradoxon be zeichnete Phänomen, also die Beobachtung, dass Über­gewicht einerseits Risikofaktor für Krebs ist und andererseits bei Krebskranken einen protektiven Effekt haben könnte, wird kontrovers diskutiert. Gegner führen an, dass dies eine Verzerrung sei, die dadurch entstehe, dass die Studienpopulation nicht repräsentativ für die Erkrankten sei. »Möglicherweise zeigen uns diese Ergebnisse auch, dass der BMI nicht das geeiegnete Maß ist, um Übergewicht zu bestimmen. Weitere Parameter der Körperzusammensetzung sind von großem Interesse«, so Schlesinger. Fürsprecher argumentierten, dass eine Krebserkrankung auch eine zehrende Krankheit sei, bei der man an Körpersubstanz verliere. Ein leichtes Polster könne die Überlebenschance verbessern. Und vielleicht werde auch die Therapie dadurch besser vertragen.

Kerstin Nees


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